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Fuldaer Zeitung: Interview - Chefarzt in Fulda warnt vor Corona-Erkrankung bei Jüngeren: „Wir werden Kinder zukünftig impfen müssen“

Die Corona-Patienten werden jünger. Und auch sie können sehr schwer krank werden. Diesen bundesweiten Trend beobachtet Internist und Chefarzt Prof. Dr. Bernd Kronenberger (51) auch im Herz-Jesu-Krankenhaus.

Fulda - Der Herz-Jesu-Chefarzt Prof. Dr. Bernd Kronenberger spricht im Interview über die Corona-Varianten, die Gefahren der Intubierung und den Fall von Thomas Ebert, der mit Corona im Alter von 53 Jahren auf der Intensivstation lag.

Thomas Ebert, 53 Jahre, keine Vorerkrankungen. Ist das jetzt ein typischer Corona-Patient auf Ihrer Station?
Bei Herrn Ebert war es ein besonders schwerer Verlauf. Solche Verläufe sind in dieser Altersgruppe selten. Es hat sich aber etwas geändert: In der ersten Welle hatten wir vor allem die über 80-Jährigen. Diese sind jetzt geimpft. Jetzt haben wir vor allem Patienten im Alter ab 50 Jahren. Wir haben auch einen 27 Jahre alten Patienten – er ist mit der jüngste –, einige Mitte 30 und viele 50- und 60-Jährige.

Fulda: Chefarzt warnt vor Corona-Infektionen bei Jüngeren - „Wir werden Kinder zukünftig impfen müssen"

Auch mit schweren Verläufen?
Ja. Wir hatten einen 37 Jahre alten Patienten. Er war kerngesund, aber er hatte über eine längere Zeit eine sehr hohe Viruslast abbekommen. Das scheint eine wichtige Rolle zu spielen bei der Schwere der Erkrankung. Der 37-Jährige hat es geschafft. Er hatte viele Reserven gehabt, aber er war lange auf der Intensivstation.

Woran liegt es, dass jüngere Patienten so stark getroffen werden?
Das liegt vor allem an der Virus-Variante B.1.1.7. Sie ist nicht tödlicher, aber ansteckender geworden als der Wildtyp – insbesondere für jüngere Patienten. Wobei vermehrte Infektiosität nicht zwangsläufig mit einer höheren krankmachenden Potenz verbunden ist, eher begünstigen Begleiterkrankungen und Lebensstil-Faktoren einen schweren Verlauf.

Wie entwickelt sich die Sterblichkeit? Nach Angaben des Divi-Intensivregisters sterben 50 Prozent der invasiv beatmeten Patienten auf den Intensivstationen. Dabei spiele das Alter keine Rolle.
Patienten, die mit einem Tubus beatmet werden, haben leider eine sehr hohe Sterblichkeit. Erfreulicherweise brauchen jüngere Patienten oft keine künstliche Beatmung. Wir setzten auf ein neues Verfahren, die High-Flow-Sauerstoff-Therapie. Sie hat Herrn Ebert wohl das Leben gerettet, denn nur dank ihr musste er nicht intubiert werden.

Belastet eine Intubierung den Körper so sehr?
Ja. Weil sie mit Überdruck arbeitet, schädigt sie die Lunge und fördert das Auftreten einer Lungenentzündung. Patienten müssen in ein künstliches Koma versetzt werden. Das lässt den Kreislauf instabil werden. Die kreislaufstabilisierenden Medikamente belasten wiederum das Herz. Außerdem wird bei der Tubusbeatmung das Zwerchfell geschwächt, sodass die Patienten die Fähigkeit, selbst zu atmen, verlieren.

Fuldaer Chefarzt Kronenberger: 15 bis 20 Kinder sind jetzt schon an Covid gestorben

Die High-Flow-Sauerstoff-Therapie hat diese Nachteile nicht?
Ja. Dabei bekommt der Patient eine Nasenbrille. Die Luft wird angefeuchtet und mit hohem Sauerstoffanteil in die Lunge geleitet. Das reicht zur Sauerstoffversorgung aus und vermeidet die Nachteile einer Intubierung. Der Patient bleibt dabei wach und atmet selbst.

Die Lungenentzündung ließ sich bei Thomas Ebert aber nicht verhindern.
Sie ist leider eine typische Komplikation bei Covid. In den ersten acht Tagen breitet sich das Virus aus, und je nachdem, wie stark die Immunreaktion ausfällt, die eigentlich das Virus eindämmen soll, kommt es zu Organschäden, die wiederum begünstigen andere Erkrankungen wie eine Lungenentzündung. Der Patient kommt dann ins Krankenhaus und erhält dort Antibiotika und seit kurzem auch Cortison, das die Überreaktion des Körpers gegen die Entzündung dämpft.

Haben sich die Behandlungsmethoden auch auf andere Weise geändert?
Es ist viel passiert. In den ersten acht Tagen, wenn sich das Virus im Körper ausbreitet, lässt sich medikamentös nicht viel machen. Wenn aber Organe versagen, muss die Intensivmedizin das ausgleichen. In der frühen Phase kann man auch Weichen stellen, um Komplikationen zu vermeiden. Thrombosen und Embolien, also Aderverschlüsse, sind häufig. Daran sind vor einem Jahr viele Patienten verstorben. Jetzt geben wir blutverdünnende Mittel und das Medikament Dexamethason bei Sauerstoffpflichtigkeit, das entzündungshemmend und dämpfend auf das Immunsystem wirkt. Wir wissen jetzt auch, dass eine bakterielle Infektion in der späten Phase eine wichtige Rolle spielt. Das können wir gezielt mit Antibiotika behandeln.

Fühlen Sie sich jetzt sicherer in der Behandlung der Covid-Patienten?
Ja. Aber es gibt Verläufe, da ist die Medizin machtlos. Ältere Patienten mit über 80 oder 90 Jahren halten die lange Zeit auf der Intensivstation oft nicht durch. Sie können ein Herz- oder Nierenversagen erleiden. Ein jüngerer Patient hält die Zeit durch. Das hängt viel von den Reserven ab: Wie gesund geht ein Patient in die Behandlung hinein?

Als Thomas Ebert ins Krankenhaus kam, fühlte er sich gar nicht so krank.
Bei Covid ist es ungewöhnlich: Die Lunge ist in ihrer Funktion schon stark eingeschränkt. Aber der junge Patient kann das durch eine sehr tiefe und schnelle Atmung noch ziemlich lange ausgleichen, und er spürt die Einschränkung nicht. Aber er braucht den zusätzlichen Sauerstoff dringend. Ohne den Sauerstoff kommt es zu Organschäden, die zum Tod führen können. Das ist vor einem Jahr in Italien oft beobachtet worden.

Es gibt Meldungen, dass auch verstärkt Kinder und Jugendliche erkranken.
Das merken wir hier aktuell noch nicht. Aber ich fürchte, wenn wir erst ab 16/18 impfen und dennoch die Schutzmaßnahmen lockern, wird sich Covid unter den jungen Menschen ausbreiten. Ich erwarte Inzidenzen, die weit über das hinausgehen, was wir bis jetzt kennen. Dann werden auch schwere Krankheiten auftreten. 15 bis 20 Kinder sind jetzt schon laut Statistik an Covid gestorben. Wenn die Inzidenz in dieser Altersgruppe steigt, werden wir viel mehr schwere Fälle sehen. Wir werden Kinder zukünftig impfen müssen.

Es gibt für sie aber noch keinen Impfstoff.
Die Studien dafür laufen. Aber das Bewusstsein für die Notwendigkeit ist noch nicht da, dies muss unbedingt geschaffen werden.

fzcoronajungerpatient
Lesen Sie den vollständigen Artikel hier:
https://www.fuldaerzeitung.de/fulda/corona-fulda-chefarzt-bernd-kronenberger-infektion-kinder-patienten-covid-variante-interview-90511743.html

PDF: Fuldaer Zeitung: Corona- Schicksal eines jüngeren Patienten
Quelle: Volker Nies: Corona - Schicksal eines jüngeren Patienten, in: Fuldaer Zeitung, 04.05.2021.


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