Fuldaer Zeitung: „Das könnte uns Millionen kosten“ / Herz-Jesu-Chef Michael Sammet kritisiert die geplante Gesundheitsreform

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Die geplante Gesundheitsreform sorgt landauf, landab für massive Kritik – insbesondere in den Krankenhäusern selbst. Michael Sammet, Geschäftsführer der Vinzenz-Gruppe und des Fuldaer Herz-Jesu-Krankenhauses, warnt vor den drastischen Folgen der vorgesehenen Kürzungen.

Bereits heute arbeiteten viele Kliniken wirtschaftlich am Limit, sagt Sammet. Die Pläne der Bundesregierung könnten die Lage weiter verschärfen und eine Insolvenzwelle auslösen. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der Vizepräsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft über finanzielle Belastungen, drohenden Stellenabbau und die Auswirkungen auf die Patientenversorgung.

Sie sehen große Probleme in der aktuellen Gesundheitsreform. Was stört Sie an dem Entwurf?
Wir haben bereits heute eine wirtschaftlich extrem angespannte Situation: Rund 80 Prozent der Kliniken arbeiten defizitär. Und jetzt kommen weitere massive Kürzungen hinzu. Deshalb spreche ich ganz bewusst nicht von einem Reformgesetz, sondern von einem Kürzungsgesetz. Es fehlt an dringend notwendigen strukturellen Verbesserungen – stattdessen wird vor allem Geld entzogen.

Wie dramatisch ist die Lage konkret?
Schon vor der Reform gelten etwa 15 Prozent der Krankenhäuser als stark insolvenzgefährdet. Mit den geplanten Maßnahmen könnte sich dieser Anteil sehr schnell auf rund 30 Prozent erhöhen. Und wenn man sich aktuelle Studien anschaut, etwa aus dem Krankenhaus-Rating-Report, dann wird deutlich: Bis 2030 könnte rund die Hälfte aller Kliniken in Deutschland in wirtschaftliche Schieflage geraten. Das ist eine Entwicklung, die wir in dieser Form noch nie gesehen haben.

Wo genau wird gekürzt? Können Sie Beispiele nennen.
Ein Beispiel sind pflegeentlastende Maßnahmen. Diese Programme wurden eingeführt, um Pflegekräfte zu unterstützen – und werden jetzt ersatzlos gestrichen. Für ein Haus wie unseres bedeutet das allein in diesem Bereich einen Wegfall von rund einer halben Million Euro pro Jahr. Gleichzeitig werden Tarifsteigerungen nicht mehr vollständig refinanziert. Das heißt: Diese werden auf uns abgewälzt, und wir müssen die steigenden Personalkosten größtenteils selbst tragen. Und zusätzlich fällt ein Zuschlag von 3,25 Prozent auf die Patientenerlöse weg, der zuletzt zur Stabilisierung eingeführt worden war. Dies alles summiert sich zu erheblichen Belastungen.

Sie kritisieren auch eine Änderung bei der Preisentwicklung im System.
Ja, und die ist besonders problematisch. Bisher galt: Man hat sich an dem jeweils höheren Wert orientiert – entweder an der Kostenentwicklung im Gesundheitswesen oder an der Einnahmenentwicklung der Krankenkassen. Jetzt wird der niedrigere Wert angesetzt, und davon wird noch ein Abschlag vorgenommen. Das bedeutet im Ergebnis: Die Höhe der Erstattung von Personalkosten steigt deutlich langsamer als unsere tatsächlichen Kosten. Und damit können wir die realen Kostensteigerungen schlicht nicht mehr ausgleichen.

Was heißt das für Ihr Haus konkret?
Wir haben das einmal überschlagen: Für das Herz-Jesu-Krankenhaus könnte das einen Ergebnisverlust von bis zu drei Millionen Euro im kommenden Jahr bedeuten. Und das ist für viele Häuser eine Größenordnung, die sie nicht einfach kompensieren können. Wir haben uns schon frühzeitig auf die verändernden Bedingungen eingestellt und haben in den vergangenen Jahren erfolgreich gewirtschaftet. Insofern ist unsere Ausgangslage stabil. Aber mit den jetzt geplanten Einschnitten ist es keinem Krankenhausmanagement bundesweit möglich, in Zukunft schwarze Zahlen zu schreiben und es wird auf die wirtschaftliche Stärke des Krankenhausträgers ankommen. Und das ist keine Lösung, sondern schlichtweg kalter Strukturwandel.

Wie könnten Krankenhäuser darauf reagieren?
Das ist genau der Widerspruch im System: Einerseits wird uns Geld entzogen, andererseits bleiben die gesetzlichen Vorgaben bestehen – und werden sogar noch verschärft. Wir haben Personaluntergrenzen einzuhalten, immer mehr Dokumentationspflichten und Bürokratie. Theoretisch müsste man zur Kompensation etwa zehn Prozent des Personals abbauen. Aber praktisch ist das gar nicht möglich, weil uns die Hände gebunden sind.

Das heißt, Einsparungen sind kaum umsetzbar?
Genau. Wenn man uns finanzielle Mittel wegnimmt, müsste man uns gleichzeitig mehr Flexibilität geben. Stattdessen passiert das Gegenteil: Die Vorgaben bleiben starr. Das System verlangt maximale Leistung, deckelt aber gleichzeitig die Einnahmen. Das kann auf Dauer nicht funktionieren.

Welche Folgen hat das für die Patientinnen und Patienten?
Die Patientinnen und Patienten werden das deutlich spüren. Im ambulanten Bereich ist zu erwarten, dass aufgrund der dortigen Kürzungen Sprechzeiten reduziert werden, weil sich bestimmte Leistungen für die Praxen zukünftig nicht mehr rechnen. Schon heute ist es in vielen Regionen schwierig, zeitnah Termine zu bekommen – das wird sich weiter verschärfen. In den Krankenhäusern wird es ebenfalls Einschränkungen geben. Wir werden nicht mehr alle Leistungen im bisherigen Umfang anbieten können. Gleichzeitig bleiben Notaufnahmen stark belastet. Das führt zu längeren Wartezeiten, Versorgungslücken und insgesamt zu einer massiven Verschlechterung der Versorgung. Es wird vermehrt Regionen in Deutschland geben, die in Zukunft komplett unterversorgt sind.

Sie erwarten ein Kliniksterben. Wen würde das besonders treffen?
Zunächst vor allem freigemeinnützige und kirchliche Träger. Diese Einrichtungen haben oft nicht die finanziellen Rücklagen wie kommunale Häuser, die Verluste mit Steuergeldern ausgleichen können. Aber auch die Kommunen stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Viele Städte und Landkreise sagen, dass sie diese Defizite auf Dauer nicht mehr tragen können.

Das hätte dann auch Folgen über das Krankenhaus hinaus?
Absolut. An vielen dieser Träger hängen ganze soziale Strukturen: Pflegeeinrichtungen, Kitas, Hospize. Wenn ein Träger in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät oder wegfällt, betrifft das oft ein komplettes soziales Gefüge. Das wird in der politischen Diskussion aus meiner Sicht völlig unterschätzt.

Wie bewerten Sie das politische Vorgehen bei der Reform?
Sehr kritisch. Das Gesetz wurde den Verbänden kurzfristig vorgelegt – mit extrem wenig Zeit für eine fundierte Stellungnahme. Wir reden hier über ein komplexes Regelwerk mit mehr als 160 Seiten, und dafür gab es faktisch nur einen Werktag Zeit. Gleichzeitig sind konkrete Vorschläge zu Kosteneinsparungen aus der Praxis, etwa von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), bislang gar nicht aufgegriffen worden. Das wirkt ganz und gar nicht wie ein offener Dialog und dies bei einem der wichtigsten Bereiche, der Gesundheitsversorgung.

Gäbe es aus Ihrer Sicht bessere Ansatzpunkte für Einsparungen in der Gesetzlichen Krankenversicherung?
Ja, die gibt es. Ein großes Thema sind sogenannte versicherungsfremde Leistungen, die derzeit über die gesetzliche Krankenversicherung finanziert werden. Das sind Milliardenbeträge,
die eigentlich aus Steuermitteln kommen müssten. Zum Beispiel müssen die Krankenkassen die Beiträge für Bürgergeldempfänger übernehmen – das sind pro Jahr rund 12 Milliarden
Euro. Da müsste man dringend ran! Außerdem muss man den Krankenhäusern wieder mehr Beinfreiheit geben und vor allem die überbordende Bürokratie abbauen. Mit der damit gewonnenen Effizienz könnten Milliarden eingespart werden und die Krankenhäuser könnten zur Stabilisierung der Finanzlage der Krankenversicherungen beitragen, ohne selbst vor dem wirtschaftlichen „Aus“ zu stehen. Auch strukturelle Reorganisationen auf der Krankenkassenseite selbst spielen eine Rolle – etwa die hohe Zahl an Krankenkassen. Darüber könnte man zumindest diskutieren.

Wird aus Ihrer Sicht von falschen Annahmen ausgegangen?
Teilweise ja. Es wird oft suggeriert, Krankenhäuser seien ein wesentlicher Kostentreiber im System. Das geben die aktuellen Daten so nicht her. Gleichzeitig gibt es andere Bereiche – etwa bei Medikamentenpreisen –, die deutlich weniger im Fokus stehen.

Fühlen Sie sich mit Ihrer Kritik in der Politik gehört?
Unterschiedlich. Vor Ort gibt es einige Gesprächspartner, die sich intensiv und fundiert mit den Themen auseinandersetzen. Aber bei den meisten Vertretern auf Bundesebene werden wir nicht gehört. Man will sich nicht mit berechtigter Kritik auseinandersetzen, stellt keine Fragen, weil man die Antwort nicht geben kann oder nicht geben will. Die Praxis wird als „Lobbyismus“ abgetan. Häufig bleibt es dann bei pauschalen Reaktionen nach dem Motto: Es muss eben gespart werden. Da fehlt mir häufig die inhaltliche Tiefe.

Ist der Politik bewusst, welche Folgen das haben kann?
Das ist schwer zu beurteilen. Wenn man die Auswirkungen kennt und trotzdem so handelt, wäre das grob fahrlässig. Wenn man sie nicht kennt, ist das allerdings auch problematisch. Fakt ist: Wir stehen an einem absoluten Kipppunkt. Sollte die Politik den aktuellen Gesetzesentwurf so umsetzen, droht in den deutschen Kliniken ein massiver Stellenabbau. Es stehen rund 140.000 Arbeitsplätze auf der Kippe. Was das für die Versorgung bedeutet, kann sich jeder Bürger vorstellen.

Wie geht es jetzt weiter?
Wir befinden uns aktuell ohnehin schon mitten in der Umsetzung einer Krankenhausreform. Parallel dazu kommen jetzt diese massiven Kürzungen. Das setzt das System zusätzlich unter Druck – auch die Länder und Kommunen, die die Versorgung sicherstellen müssen. Ich kann nur hoffen, dass im weiteren parlamentarischen Verfahren noch signifikant nachgesteuert wird. Denn wenn das Gesetz in dieser Form kommt, rechne ich bereits zum Jahresende mit einer beginnenden Insolvenzwelle im Krankenhausbereich.

Zur Person
Michael Sammet ist Geschäftsführer der Vinzenz-Gruppe Fulda – mit 4.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer der größten katholischen Arbeitgeber in Hessen. Zur Gruppe mit einem Gesamtumsatz von 340 Millionen Euro gehört auch das Fuldaer Herz-Jesu-Krankenhaus mit mehr als 1.000 Mitarbeitern, dessen Geschäftsführer ebenfalls Michael Sammet ist. Zudem ist er Vize-Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft und Mitglied im Fachausschuss für Krankenhausfinanzierung der Deutschen Krankenhausgesellschaft.


Artikel der Fuldaer Zeitung
Redaktion: Tobias Farnung
Stand: 16.05.2026 (Fuldaer Zeitung, Seite 16 Lokales)